Ein Leuchten – Das Bad putzen

Ein Leuchten

in tiefer Stille

in unendlicher Freude

im Augenblick sein

©MHecht

Es ist Zeit das Bad zu putzen. Den ganzen Morgen habe ich deshalb schon schlechte Laune. Auch während des Putzens, grummle ich immer vor mich hin und empfinde es als Zeitverschwendung. Aber es ist meine Lebenszeit, die ich nicht verschwenden möchte. Als freier Mensch steht es mir offen, diese Zeit sinnvoll zu gestalten. Während des Putzens versuche ich dieses Mal, die geistige Haltung aus der Sitzmeditation, in die Bewegung zu übertragen. Bis jetzt war meine Konzentration und die innere Stille sofort verschwunden, wenn ich mich bewegt habe. Auch während der Meditation im Sitzen schweifte mein Geist oft ab. In dieser Meditation versuche ich meine Aufmerksamkeit ohne Unterbrechung zu halten. Sanft liegt meine Konzentration auf meinem Unterbauch, um ganz im Augenblick präsent zu sein. Langsam erhebe ich mich aus der Meditationshaltung, konzentriere mich auf meine Umwelt und halte die Präsenz sanft im Hintergrund. Ich schaue mich vorsichtig um, greife nach Schwamm und Putzeimer. langsam beginne ich das Waschbecken zu putzen. Ärger steigt in mir hoch. Mein innerer Antreiber verlangt eine höhere Geschwindigkeit, der innere Kritiker befiehlt mehr Glanz und fleckenlose Sauberkeit. Das innere Kind möchte lieber im Garten ein paar Blumen einpflanzen. Ich beobachte und lächle. Ganz sanft nicke ich anerkennend dem inneren Theater zu. Mein tiefer Atem in den Unterbauch hilft mir, ganz in der weiten liebevollen Stille, die ich aus der Meditation kenne, zu ruhen. Ich bin mehr als mein inneres Theater, ich bin mehr als meine ständig wechselnden Emotionen. Ich sehe den Schwamm und das Waschbecken und fahre mit meiner Tätigkeit fort. Die Illusion der Trennung löst sich auf. Es gibt nichts mehr zu beobachten, wenn das „Ich bin“ sich ausdehnt und zum reinen Sein wird. Alles leuchtende Sein ist in diesem Augenblick. In seiner unendlichen  lebensbejahenden Tiefe des Glücks, ganz präsent, ganz klar, ganz verbunden im liebevollen Frieden.

Als das Bad fertig geputzt ist, falle ich wieder in die Trennung von „Ich“ und „Umgebung“ zurück. Mit einem Lächeln stelle ich fest, dass putzen von mir jahrelang unterbewertet wurde ;). Ich bin wieder ganz bei meinen Gefühlen und Gedanken angekommen. Als innerer Kritiker lasse ich einen letzten Blick auf das Ergebnis schweifen: Mist! Ich habe den Spiegel vergessen. Kurz schließe ich voller Mitgefühl die Augen. Der Ärger löst sich auf. Meine Aufmerksamkeit folgt dem Atem in meinen Unterbauch. Nachdem sich das präsente Körpergefühl wieder eingestellt hat, öffne ich vorsichtig die Augen und versuche es sanft im Hintergrund zu halten. Als ich aus dem Bad gehe werde ich plötzlich ganz mein innerer Antreiber, der noch schnell das Mittagessen bis 12:00 Uhr fertig kochen möchte.

Mein lebenslanger Übungsweg hat zum Ziel, dass ich ganz präsent in mir ruhen kann, während ich meinen Alltag lebe. Die Gedanken um Zukunft und Vergangenheit nehme ich wahr und lasse sie auch wieder gehen. Wenn sie mir helfen, meinen Alltag zu gestalten, nehme ich sie konstruktiv auf. Es ist der mittlere Weg, der nicht das absolute Leben allein im „Jetzt“ fordert. Es ist eins der vielen Paradoxe im Leben :). Ich plane meine Zukunft und lerne aus der Vergangenheit durch Reflexion. Gleichzeitig übe ich, ganz im Augenblick präsent zu sein. Manchmal wird dieser Übungsweg von Erfahrungen, wie in diesem Beitrag, bereichert. Das sind wundervolle Geschenke, die ich dankbar annehme. Ich versuche sie nicht willentlich herbeizuführen oder einzufordern. Jeder Augenblick ist neu und hat seine eigenen Wunder :).

Alle Macht kommt von Innen

Wenn die Mitglieder sich bekriegen,

wird allein die Krankheit siegen.

Liebe weiß heilend zu verbinden,

wirkliches Lebensglück zu finden.

Wird der Chor im Einklang singen?

Lasse die Harmonie erklingen!

 ©MHecht

Wer spricht eigentlich, wenn eine Stimme in mir sagt, dass sie Entspannung braucht und eine andere, dass die Küche noch aufgeräumt werden muss? Ich bin es leid, dass mich meine Gedanken beherrschen. Ich möchte nicht nur mehr im Einklang mit mir selbst sein, sondern genauer verstehen, wie meine Persönlichkeit aufgebaut ist. Wenn das „Ich“ als System gut funktioniert, ist das der Schlüssel zu mehr Lebensglück und gesünderen Verhalten. Bei dieser Abenteuerreise geht es nicht um totale Kontrolle. Die mitfühlende Erkundung der eigenen Licht- und Schattenseiten im Inneren, führt auch zu verständnisvolleren Haltung gegenüber meinen Mitmenschen. Auf meiner Abenteuerreise werde ich mir die Akteure meines „Ichs“ genauer ansehen. Im Disney Film „Alles steht Kopf“ sitzen die Gefühle am Kontrollhebel. In der Realität gibt es zum Glück, mit Hilfe der Achtsamkeit, noch eine andere Kontrollinstanz. Luise Reddemann nennt sie den „Inneren Beobachter“, Roberto Assagioli „den Dirigenten“, je nach psychologischer Schule hat sie viele Namen. Die Kontrollinstanz sollte authentisch sein, mit Kompetenz und mitfühlende Haltung vorgehen, wie alle guten Chefs. Alle unterschiedlichen Bedürfnisse der Chormitglieder müssen zu einem größtmöglichen Kompromiss zusammenführt werden. Erklingt die Symphonie in völliger Harmonie, ist für diesen Moment die Arbeit des Dirigenten erfolgreich. Wie im Inneren, so im Außen ;).

Also Augen zu und Spot on: Die innere Bühne erstrahlt im Licht der Aufmerksamkeit. Als Hilfestellung stelle ich mir das Bild eines kleinen Dirigenten vor, der die Bühne betritt. Im selben Moment eilt der Manager mit einer langen Liste in der Hand auf die Bühne. Abwechselnd deutet er auf seine Uhr und die vielen Aufgaben auf dem Papier. Ein kleiner Angsthase hoppelt nervös um ihn herum und hält sich an der Uhr des Managers fest. Die anderen Chormitglieder und Musiker stehen im Hintergrund passiv herum und warten auf ihren Einsatz. Der Dirigent rauft sich die Haare, kein Wunder, dass es mir schwer fällt mal in Ruhe zu entspannen, bei dem Chaos. Als erstes versuche ich mit Hilfe des Dirigenten Ordnung in das Orchester bringen. Jeder soll seiner Aufgabe entsprechend den richtigen Platz einnehmen. Der Manager stört diesen Prozess immer wieder, schiebt die Musiker hin und her und verursacht noch mehr Chaos. So funktioniert es anscheinend nicht. Wie war das damals in der Schule? Der Lehrer zieht den größten Störenfried zum Einzelgespräch heraus, damit sich die restlichen Schüler neu ordnen können. „Manager! Ab ins Büro, zur Besprechung mit dem Chef! Angsthase such dir einen Platz im Chor!“ Um mit dem Manager in Ruhe zu reden nutze ich eine Übung aus der Gestalttherapie.

Ich öffne die Augen und hole zwei Stühle, die ich gegenüberstelle. Dann nehme ich zuerst auf dem Stuhl des Dirigenten Platz. Ich habe gesehen, was der Manager will (möglichst viele Aufgaben in wenig Zeit erledigen) und frage den Manager was er wirklich braucht. Dann wechsle ich die Plätze. Der Manager beharrt darauf, dass man nur erfolgreich sein kann, wenn hohe Ziele gesteckt und diese in kurzer Zeit mit voller Energie verfolgt werden. Früher war dieser Grundsatz für mich wichtig, doch heute ist mir meine Gesundheit wichtiger. Wenn ich das Verhalten nicht ändere, macht es mich krank. Eigentlich sehnt sich der Manager danach, auf einer Hollywood – Schaukel die Wolken zu beobachten. Ich gehe mit ihm aus dem Büro des Dirigenten und richte ihm einen inneren Raum nach seinen Wünschen ein. Erleichtert kann der Manager zur Ruhe kommen. Ich frage ihn, welche Lücke er mit ausfüllt? Wenn die Balance fehlt, ist ein Teil des Ichs völlig passiv. Ich lasse mich von ihm in einen Keller führen. Dort treffen wir mein inneres Kind (das ich durch andere Übungen bereits kenne s.u. Quelle). Es hat einen schweren Rucksack auf, lässt die Arme hängen und sagt.“ Ich kann das gar nicht alles schaffen!“ Der Manager hat das innere Kind hierher verbannt, weil es mit seinen Träumen die Produktivität gehemmt hat. Ich überzeuge es, dass wir kommen sind, um zu helfen und ihm eine Stimme zu verleihen. Gemeinsam nehmen wir den Rucksack ab und führen es nach oben in den Chorraum. Dort angekommen lässt das innere Kind seinen ganzen Frust aus und fängt an zu toben und zu schreien. Es darf sich ganz ausleben. Nachdem es sich beruhigt hat, setze ich den Manager für seine Interessen ein, um die Teamarbeit zu fördern. Das innere Kind nimmt Hand in Hand zwischen den inneren Eltern im Chor seinen Platz ein. Der Dirigent hebt den Taktstock und auf sein Zeichen erklingt eine wundervolle Symphonie. Im Solo des inneren Kindes dürfen die Töne wie bunte Seifenblasen langsam in den Himmel steigen. Erleichtert öffne ich die Augen. Das war harte Arbeit aber die innere Symphonie klingt noch sanft nach, während ich mich wieder meinem Alltag widme.

Übung: Wer spricht? Im Alltag halte ich immer mal wieder innerlich an, lenke den Spot meiner Aufmerksamkeit nach innen und schaue: Wer spricht dort und braucht der Akteur vielleicht etwas ganz anderes als das, was er möchte?


Quellen:

Imagination als heilsame Kraft: Luise Reddemann

Versöhnung mit dem inneren Kind: Thich Nhat Hanh

Den Dämonen Nahrung geben: Tsültrim Allione

 

Der erste Schritt – Die Sehnsucht

„Einmal will ich die wahre Freiheit erleben,

nur ein einzig Augenblick,

dann erkenne ich das wahre Leben,

doch es ist ein langer Weg ins Glück“

©MHecht

Mit diesem Gedicht drückte ich als Teenager meine tiefe Sehnsucht nach meinem wahren Selbst aus. Weil ich mit meiner inneren Stimme nicht in Kontakt war bzw. noch nicht mal wusste, dass es sowas gibt, befand ich mich in einer Sackgasse. So ging ich auf meine erste Heldenreise, um meine Sehnsucht zu stillen und Antworten zu finden. Die Reise stellte sich als Weg voller Irrtümer heraus. Als erstes untersuchte ich die Bibel und konnte nichts hilfreiches finden. Auch der Pastor, der mich konfirmierte konnte mir nicht weiterhelfen, weil ich den christlichen Glauben als einengend empfand. Gleichzeitig hatte ich Schuldgefühle, weil ich an meinem Glauben zweifelte. Es war mit total unverständlich, wie eine Religion, die auf Schuld, Sühne und festen Regeln basiert, mit meinem inneren Freiheitsbegriff zusammen passen sollte. Ich konnte die Lebenskraft in der Natur spüren, die alles verbindet und meine Seele oder mein wahres Selbst leuchten ließ. Auf keinen Fall wollte ich diese Spiritualität an eine externe Autorität (Pastor) abgeben.

Nachdem alle Versuche mein Glück im Glauben zu finden scheiterten, konzentrierte ich mich im Laufe der Jahre auf Schule, Studium, Beruf und Familie. Ich übertönte meine immer lauter werdende innere Stimme mit allen (legalen) Mitteln. Als Ergebnis stand ich unter dauerhafter Anspannung. Körperliche Stresssymptome beherrschten meinen Alltag. Mein Kopf und Bauch waren in einen Kampf geraten und schrien sich gegenseitig an: „Hör jetzt auf damit! Ich versteh dich nicht! Mach, was ich dir sage!“ Schließlich gab meine innere Stimme scheinbar nach und verstummte. Ich spürte gar nichts mehr. Alles fühlte sich taub an. Diese Zeit war nur kurz (ein paar Tage) doch es erschreckte mich so sehr, dass ich beschloß den inneren Krieg zu beenden. Ich entschloss mich zu einer neuen Reise. Diesmal wollte ich alle Kräfte harmonisch bündeln, um zum Ziel zu kommen. Das passende Buch als Reiseführer war von Thich Nhat Hanh „Vom Glück einen Baum zu umarmen. Geschichten von der Kunst des achtsamen Lebens.“ Es kostete mich bereits einigen Mut das Buch zu kaufen, weil mein Verstand es als viel zu esoterisch ablehnte. Wegen dieser ablehnenden Haltung war es genau das Richtige. Die zentrale neue Botschaft war für mich, nicht nur Achtsamkeit und Mitgefühl für alle Lebewesen, sondern auch für mich selbst zu entwickeln. Meine ersten achtsamen Versuche waren sehr frustrierend und ich fühlte mich überfordert regelmäßig zu üben. Die Aussicht auf das Ziel meiner Reise, inneren Frieden und neue Lebensfreude, lies mich durchhalten. Wenn ich eine kleine Übung in meinen Alltag einbauen konnte, fühlte ich manchmal sogar kurze Augenblicke innerer Harmonie.

So kehrte ich diesmal ein wenig erfolgreicher von der Heldenreise zurück und nahm die neuen Erkenntnisse mit viel Dankbarkeit in meinen Alltag auf. Genug gelesen! Hier ist die Gelegenheit für eigene Erfahrungen 😉 :

Achtsamkeitsübung „Der Seele Nahrung geben“: Nimm Dir einen Augenblick Zeit. Setze Dich bequem hin und schließe die Augen. Atme tief ein, sammel alle negativen Gedanken, Gefühle, Empfindungen und lasse sie beim Ausatmen durch Deine Füße in Boden fließen. Dann lasse Deinen Atem los und richte Deine Aufmerksamkeit auf Deinen Bauch: Lasse in Deinem Inneren die Frage auftauchen: Was ist es, was ich jetzt am meisten brauche? Ist es ein körperliches Bedürfnis (z.B. Hunger, Durst), dann stehe jetzt auf und stille dieses Bedürfnis so gut und so aufmerksam wie möglich. Konzentriere Dich nur auf diese Tätigkeit. Wenn es ein seelisches Bedürfnis ist (z.B. Ruhe, Sicherheit, Freude, Glück), lasse Deine Augen geschlossen. Richte Deine Aufmerksamkeit weiter auf Deinen Bauch. Stelle Dir vor, wie ein helles warmes Licht in Deinem Inneren beginnt zu leuchten. Dieses Licht ist Nahrung für Deine Seele. Es nährt Deine Seele mit dem, was Du jetzt am meisten brauchst. Stelle Dir vor, wie das helle Licht immer größer wird, bis es dich ganz geborgen einhüllt, in deiner eigenen persönlichen Oase. Das Licht schenkt dir alles, was du brauchst, um in diesem Moment, in völliger Harmonie mit Dir selbst zu sein.