Die Weisheit der Spinne

Mit welcher Hingabe sie deinen Lebensfaden spinnt,

während sie leise das Schicksal besingt.

Zu viel Angst kann die Verbindungen trennen,

sie hilft dir, die Lücken zu erkennen.

Mit Liebe und Mut ist es sicher verwoben.

Wird dein Lebensnetz zum Meisterwerk erhoben?

©MHecht

Mitten in unserem kleinen Garten, zwischen Dill und Borretsch, hat sich eine Kreuzspinne häuslich eingerichtet. Gerade als ich Dillsamen ernten wollte, saß sie plötzlich direkt vor mir. Mein Verhältnis zu Spinnen ist zwiegespalten. Auf der einen Seite schätze ich sie als Nützlinge, auf der anderen Seite habe ich Angst vor ihnen. Nur mit großer Mühe schaffe ich es, sie im Haus in ein Glas zu befördern und draußen wieder auszusetzen. Lieber würde ich sie einfach mit dem Staubsauger entfernen, aber ich habe beschlossen Leben nicht unnötig zu beenden. In meinem Garten ist die Situation neu, dort leben viele verschiedene Arten von Spinnen. Sie sind bisher aber schnell weg gelaufen, wenn sie mich wahrgenommen haben. Ich lasse ihnen das Recht in meinem Garten auf freie Wohnsitzwahl. Die Kreuzspinne allerdings lief nicht weg und ich traute mich nicht an ihr vorbei, die Dillsamen zu ernten. Rational gesehen konnte mir die Spinne nicht gefährlich werden aber trotzdem überwog das Gefühl der Angst. Woher kam diese Angst? Auf zu einem neuen Abenteuer! Wenn ich gefühlsmäßig so stark in Resonanz mit diesem harmlosen Tier gehe, lohnt sich bestimmt ein Blick hinter die Kulissen ;).

Als ersten Schritt setze ich mich zu meiner neuen „Spinnen- Therapeutin“ und beobachtete die Angst in meinem Körper. Wo genau saß das Gefühl und wie veränderte es sich? Die keine „Therapeutin“, die mir jetzt ziemlich groß vorkam, zeigte sich zum Glück sehr kooperativ und bewegte sich nicht. Lediglich ein kleiner Windhauch ließ das Netz sanft hin – und her schaukeln. Während ich meine Angst betrachtete, ohne sie mit Gedanken zu füttern oder weg zu laufen, wurde sie immer weniger. Der innere Angsthase verstand schließlich, dass keine (Angst-)Möhrchen mehr gereicht wurden und akzeptierte die Situation. Ich öffnete geistig eine Tür und ging direkt durch meine Angst hindurch, in einen „Therapieraum“ zu der Spinne. Mit Humor versuchte ich die Angst weiter niedrig zu halten: Ich stellte mir vor, wie wir zusammen eine Tasse Tee tranken und ein Gespräch begannen. Die Spinne war ein Sinnbild für einen Teil meines Selbst, dass ich im Schatten verdrängt hatte. Mit Hilfe der Spinne konnte ich wieder Kontakt zu diesem Teil aufnehmen, zu dem ich vorher keinen Zugang hatte. Während des inneren Gesprächs schaute ich mir die Spinne, wie sie einfach nur in ihrem Netz saß, die ganze Zeit an. Vermutlich schaute sie auch zwischenzeitlich zu mir ;). Nachdem der Schleier der Angst zwischen uns langsam gefallen war, konnte ich die Spinne als fühlendes Wesen begreifen. Ich erkannte unsere Gemeinsamkeiten und konnte auch langsam ihre Andersartigkeit schätzen. Auch wenn wir wohl nie die engsten Freunde werden, spüre ich jetzt die Verbundenheit zu ihr, wie zu dem bisher abgetrennten Teil meines Selbst. Die kleine „Spinnen-Therapeutin“ verwob liebevoll mein lückenhaftes Selbst zu einem neuen stärkeren Netz. Meine Perspektive konnte sich erweitern, nachdem die begrenzende Angst überwunden war. Ich bin zutiefst dankbar über den kurzen Einblick tiefer Weisheit, den mir die Spinne ermöglicht hat.

Fotografen-Übung: Forme Deine Hände zu einer imaginativen Kamera und halte sie vor Deine Augen. Suche Dir ein Motiv in deiner Wohnung oder im Freien, dass du „fotografieren“ möchtest. Dieses Motiv kann positiv oder negativ sein, zum Beispiel der chaotische Sofatisch, der eigentlich mal wieder aufgeräumt werden müsste. Mache aktiv mit Deinen Augen ein Foto, indem du intensiv Dein Motiv für ein paar Sekunden betrachtest und dann Deine Augen schließt. Rufe dann Dein Foto vor Deinem geistigen Auge auf. Dieses Bild kannst du in Deinem imaginativen Bildbearbeitungsprogramm nun verändern. Gib ihm zum Beispiel mit der Farbe Deiner Wahl einen neuen Rahmen. Achte dabei besonders darauf, wie sich Deine Gefühle zum Bild, mit der neuen Farbe verändern. Diese Übung ist auch besonders gut für unangenehme Ereignisse geeignet. Rufe dazu einfach das intensivste Bild aus Deiner Erinnerung auf und verändere es. Mit dieser Übung kannst Du einen neuen Bezug und eine größere Distanz zur Erinnerung gewinnen. Viel Spaß 🙂

 

Alle Macht kommt von Innen

Wenn die Mitglieder sich bekriegen,

wird allein die Krankheit siegen.

Liebe weiß heilend zu verbinden,

wirkliches Lebensglück zu finden.

Wird der Chor im Einklang singen?

Lasse die Harmonie erklingen!

 ©MHecht

Wer spricht eigentlich, wenn eine Stimme in mir sagt, dass sie Entspannung braucht und eine andere, dass die Küche noch aufgeräumt werden muss? Ich bin es leid, dass mich meine Gedanken beherrschen. Ich möchte nicht nur mehr im Einklang mit mir selbst sein, sondern genauer verstehen, wie meine Persönlichkeit aufgebaut ist. Wenn das „Ich“ als System gut funktioniert, ist das der Schlüssel zu mehr Lebensglück und gesünderen Verhalten. Bei dieser Abenteuerreise geht es nicht um totale Kontrolle. Die mitfühlende Erkundung der eigenen Licht- und Schattenseiten im Inneren, führt auch zu verständnisvolleren Haltung gegenüber meinen Mitmenschen. Auf meiner Abenteuerreise werde ich mir die Akteure meines „Ichs“ genauer ansehen. Im Disney Film „Alles steht Kopf“ sitzen die Gefühle am Kontrollhebel. In der Realität gibt es zum Glück, mit Hilfe der Achtsamkeit, noch eine andere Kontrollinstanz. Luise Reddemann nennt sie den „Inneren Beobachter“, Roberto Assagioli „den Dirigenten“, je nach psychologischer Schule hat sie viele Namen. Die Kontrollinstanz sollte authentisch sein, mit Kompetenz und mitfühlende Haltung vorgehen, wie alle guten Chefs. Alle unterschiedlichen Bedürfnisse der Chormitglieder müssen zu einem größtmöglichen Kompromiss zusammenführt werden. Erklingt die Symphonie in völliger Harmonie, ist für diesen Moment die Arbeit des Dirigenten erfolgreich. Wie im Inneren, so im Außen ;).

Also Augen zu und Spot on: Die innere Bühne erstrahlt im Licht der Aufmerksamkeit. Als Hilfestellung stelle ich mir das Bild eines kleinen Dirigenten vor, der die Bühne betritt. Im selben Moment eilt der Manager mit einer langen Liste in der Hand auf die Bühne. Abwechselnd deutet er auf seine Uhr und die vielen Aufgaben auf dem Papier. Ein kleiner Angsthase hoppelt nervös um ihn herum und hält sich an der Uhr des Managers fest. Die anderen Chormitglieder und Musiker stehen im Hintergrund passiv herum und warten auf ihren Einsatz. Der Dirigent rauft sich die Haare, kein Wunder, dass es mir schwer fällt mal in Ruhe zu entspannen, bei dem Chaos. Als erstes versuche ich mit Hilfe des Dirigenten Ordnung in das Orchester bringen. Jeder soll seiner Aufgabe entsprechend den richtigen Platz einnehmen. Der Manager stört diesen Prozess immer wieder, schiebt die Musiker hin und her und verursacht noch mehr Chaos. So funktioniert es anscheinend nicht. Wie war das damals in der Schule? Der Lehrer zieht den größten Störenfried zum Einzelgespräch heraus, damit sich die restlichen Schüler neu ordnen können. „Manager! Ab ins Büro, zur Besprechung mit dem Chef! Angsthase such dir einen Platz im Chor!“ Um mit dem Manager in Ruhe zu reden nutze ich eine Übung aus der Gestalttherapie.

Ich öffne die Augen und hole zwei Stühle, die ich gegenüberstelle. Dann nehme ich zuerst auf dem Stuhl des Dirigenten Platz. Ich habe gesehen, was der Manager will (möglichst viele Aufgaben in wenig Zeit erledigen) und frage den Manager was er wirklich braucht. Dann wechsle ich die Plätze. Der Manager beharrt darauf, dass man nur erfolgreich sein kann, wenn hohe Ziele gesteckt und diese in kurzer Zeit mit voller Energie verfolgt werden. Früher war dieser Grundsatz für mich wichtig, doch heute ist mir meine Gesundheit wichtiger. Wenn ich das Verhalten nicht ändere, macht es mich krank. Eigentlich sehnt sich der Manager danach, auf einer Hollywood – Schaukel die Wolken zu beobachten. Ich gehe mit ihm aus dem Büro des Dirigenten und richte ihm einen inneren Raum nach seinen Wünschen ein. Erleichtert kann der Manager zur Ruhe kommen. Ich frage ihn, welche Lücke er mit ausfüllt? Wenn die Balance fehlt, ist ein Teil des Ichs völlig passiv. Ich lasse mich von ihm in einen Keller führen. Dort treffen wir mein inneres Kind (das ich durch andere Übungen bereits kenne s.u. Quelle). Es hat einen schweren Rucksack auf, lässt die Arme hängen und sagt.“ Ich kann das gar nicht alles schaffen!“ Der Manager hat das innere Kind hierher verbannt, weil es mit seinen Träumen die Produktivität gehemmt hat. Ich überzeuge es, dass wir kommen sind, um zu helfen und ihm eine Stimme zu verleihen. Gemeinsam nehmen wir den Rucksack ab und führen es nach oben in den Chorraum. Dort angekommen lässt das innere Kind seinen ganzen Frust aus und fängt an zu toben und zu schreien. Es darf sich ganz ausleben. Nachdem es sich beruhigt hat, setze ich den Manager für seine Interessen ein, um die Teamarbeit zu fördern. Das innere Kind nimmt Hand in Hand zwischen den inneren Eltern im Chor seinen Platz ein. Der Dirigent hebt den Taktstock und auf sein Zeichen erklingt eine wundervolle Symphonie. Im Solo des inneren Kindes dürfen die Töne wie bunte Seifenblasen langsam in den Himmel steigen. Erleichtert öffne ich die Augen. Das war harte Arbeit aber die innere Symphonie klingt noch sanft nach, während ich mich wieder meinem Alltag widme.

Übung: Wer spricht? Im Alltag halte ich immer mal wieder innerlich an, lenke den Spot meiner Aufmerksamkeit nach innen und schaue: Wer spricht dort und braucht der Akteur vielleicht etwas ganz anderes als das, was er möchte?


Quellen:

Imagination als heilsame Kraft: Luise Reddemann

Versöhnung mit dem inneren Kind: Thich Nhat Hanh

Den Dämonen Nahrung geben: Tsültrim Allione